Die Weihnachtsmafia
Als ich eines Morgens aus meinen unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in einen seltsam kleinen Körper verwandelt. Auch die Umgebung schien mir fremd. Als ich versuchte, mich aufzurichten, schmerzte mein ganzer Körper. "Kein Wunder", dachte ich. "In einer Nacht um rund einen Meter zu schrumpfen muss einfach schmerzen." Ich versuchte mich zu orientieren, konnte aber nur entdecken, dass ich nicht in meinem Zimmer war. Auch hatte ich plötzlich so seltsame Ohren. Anscheinend war ich zu einem Elfen-Zwerg mutiert. Als ich versuchte, mich mit der Lage abzufinden, öffnete sich die Tür und ein seltsam hässlicher Elfen-Zwerg trat ein (ich werde die Zwerge mal "Elfis" nennen). Er fuchtelte mit den Armen und sagte, dass der Weihnachtsmann schon unendlich viele male nach mir gefragt habe, und dass er froh sei, dass ich endlich aufgewacht sei. Sein Gekreische ätzte sich durch mein Trommelfell. Es schien, als seien seine Stimmbänder nicht in Ordnung. Soll ihn der Teufel holen. Wer hat schon so eine Stimme? Ich stand auf, und folgte dem Elfi. Wir gingen einen langen Gang entlang und kamen schlussendlich an eine grosse Tür. Wir betraten das Zimmer durch die Katzentüre, weil die eigentliche Türe zu gross war. Eine tiefe Stimme dankte dem kreischenden Elfi und sagte er könne gehen. Ich blieb alleine in dem grossen Raum. Ich sah die Umrisse eines unglaublich dicken Mannes in der entferntesten Ecke des Raumes. Der Mann kam aus dem Schatten heraus ins Licht. Es war der Weihnachtsmann. Ich fragte mich, wie eine Kreatur nur so unglaublich dick sein kann? Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, da er auch noch einen entsetzlich langen, weissen Bart trug. Kein Zweifel; es war der Weichnachtsmann. Er trug einen schönen roten Mantel, der ihm fast über die Knie reichte, weshalb ich nicht genau sehen konnte, ob er eine Hose anhatte. Er ging auf den Kühlschrank zu, nahm sich ein Bier, öffnete es und nahm einen gewaltigen Schluck daraus. Nachdem er das Bier auf den Tisch gesetzt hatte, liess er ein gewaltiges Bäuerchen vom Stapel. "Kein Zweifel, er ist ein Mann", dachte ich. Die Fahne die dem Rülpser folgte war fürchterlich. Der Alkoholgehalt in seinem Blut musste astronomisch sein. Schon alleine seine Fahne war so alkoholisiert, dass ich mich ein wenig benommen fühlte. Ein Wunder, dass er noch geradeaus laufen konnte. Er setzte seine Brille auf und blinzelte mich mit glasigen Augen an. Er bat mich, näher zu kommen, aber ich hielt meinen Sicherheitsabstand von seinem Tisch ein. Ich wollte ja nicht an einer Alkoholvergiftung sterben. Er nahm sich eine seltsame Zigarre, die irgendwie nicht mit Tabak gefüllt zu sein schien und zündete sie an. Er zog ein paar mal an ihr und wurde fröhlicher - nur Gott weiss warum. Er erhob sich aus seinem Stuhl, blieb vor mir stehen und hielt mir eine Pistole vor die Nase. "Geld her", brüllte er. Ich sah ihn an und teilte ihm höflich mit, dass ich keines hätte. Daraufhin brach er in schallendes Gelächter aus, was mich auch gleichzeitig an seinen Alkoholspiegel erinnerte. Es war scheusslich. "Wenn er noch einen Schritt näher kommt, schlage ich ihm die Rübe ein", dacht ich. Er kam näher. Ich ging einen Schritt zurück. Ich schlage keine Weihnachtsmänner. Vor allem keine besoffenen und unter Drogen stehende. Der musste mich mindestens zehnmal sehen. Aber anscheinend war er sich das gewöhnt. Was soll denn der arme das ganze Jahr lang machen? Es geht das Gerücht um, dass die nordischen Völker (vor allem die Russen), sehr gern trinken. Der Weihnachtsmann scheint da keine Ausnahme zu sein. "Ach - deine Naivität ist so Herzerwärmend", sprach er. "Ich erwärme gar nicht. Ich will wissen, was ich hier mache", entgegnete ich ihm. "Du bis Tot, mein Freund. Du bist hierher geschickt worde, damit du deine Sünden abarbeitest." DAS wagt ER, MIR ins Gesicht zu sagen? Dieser aufgeblasene Alkoholiker! Der sündigt ja wohl mehr, als Soddom und Gomorra zusammen. Er unterbrach mich in meinen Gedanken:" Komm nun. Ich will dir unsere "Firma" zeigen." Mit einer Blähung, die den Kronleuchter zum Zittern brachte, drehte er sich um und lief in Richtung Tür. Ich tat das selbe, um nicht einen Gas-Tod zu erleiden. Wobei mir das wohl nichts ausgemacht hätte. Schlussendlich war ich ja schon tot. Der Weihnachtsmann schien dafür um so lebendiger. Er amüsierte sich an einer Zeitschrift, die eine ziemlich nackte Frau in Poster-Format enthielt. Seine Männdlichkeit stieg. Dies merkte ich um so mehr, weil er tatsächlich keine Hose an hatte. Der Anblick war furchtbar und ich hatte mit der Übelkeit zu kämpfen. Ich schlug im vor, eine Hose an zu legen. Er grinste blöd und zog sich seine Boxer-Shorts an. "Normalerweise laufe ich immer nackt herum", piepste er, während er an seinem Joint saugte.
Wir verliessen sein Büro und spazierten den langen Flur entlang. "Wir sind nicht mehr das, was wir mal waren", sagte er zu mir, während er aus seinem Mantel ein weiteres Bier hervorzauberte. "Wir sind eigentlich so eine Art Mafia, die Kokain in ihren Fertigungshallen pflanzt und teuer verkauf", schnorrte er. Er nahm einen kräftigen Schluck von seinem Bier und liess den obligatorischen Rülpser folgen. Wir kamen an einem Raum vorbei, in dem Kokain-Säcke von Elfis gestapelt wurden. Anscheinend lief nicht alles glatt, da einige Elfis auf dem Boden rumlagen, mit glasigen Augen die Decke betrachteten und ständig grinsten. Anscheinend waren das die Tester. Ich konnte das nicht so genau beurteilen, weil wir schon die nächste Halle betraten.
Hier schienen sich die Elfis mit Waffen zu beschäftigen. Allerlei Waffenarten wurden auf Zielscheiben abgefeuert. Granaten flogen durch die Luft, Detonationen ertönten, Elfis flogen durch die Luft. Das ganze hatte etwas Jahrmarkmässiges an sich. Als wir in der Mitte der Halle angekommen waren, verstummte der Lärm und alle Eflis blickten zu uns. Der Weihnachtsmann liess einige fürchterliche Flüche vom Stapel. Seine Lautstärke erreichte die eines mittleren Nebelhorns. Wieso er genau fluchte war mir nicht klar. "Das hebt die Laune", meinte er und wie gingen von dannen.
"Du siehst, dass unsere Elfen-Mafiosi die beste Ausbildung bekommen." "Fragt sich nur, wie viele dieses Training überleben", murmelte ich. "Das ist eine andere Frage", meinte er philosophisch und lachte, wobei er beim lachen rülpste und blähte. Er zog eine Schnappsflasche aus seiner Manteltasche und begann daran zu nuckeln. Während unserem Spaziergang schien er dünner geworden zu sein. Wahrscheinlich war er so dick, weil der ganze Mantel voll von Spiritousen und ähnlichem war. Wer weiss. Ich gucke anderen nicht unter den Mantel.
"Wir sind nicht mehr das, was wir mal waren", sprach er. "Heute wird das ganze Zeug in den Schwellenländern produziert. Die machen ja sowieso alles. Wir beschränken uns auf Kokain-Handen. Und wenn die Polizei was dagegen hat, haben wir ja die richtigen Mittel hier". Er grinste und liess noch einen fahren. Schliesslich fing er an zu miauen. Das ging eine ganze Weile so, bis ich bemerkte, dass ich geträumt hatte und meine Katze neben mir sass, mir ins Ohr miaute und an meinem Ohrläppchen knabberte. Ich versuchte mich aufzurichten, aber mein Körper schmerzte. Jetzt weiss ich, wie sich Gregor Samsa gefühlt haben muss. Nun - was soll's. Ich ging in die Küche und machte mir einen Kaffee. Ich habe mir eigentlich geschworen, nie Kaffee zu trinken, weil ich genau weiss, dass ich danach süchtig werde. Ich bin schon süchtig nach Schokolade und wenn ich am PC arbeite, verputze ich schon beängstigend viel. Aber was soll's. Nach dem Traum ist mir alles egal. Während ich mit der Kaffetasse durch die Wohnung schlendere, bewundere ich mein Weihnachtsgeschenk "Made in Malaysia". "Er hatte rechte", denke ich mir und frage mich, was die Weihnachtsmafia wohl dieses Jahr vorhat.
Frohe Weihnachten.
Nachbearbeitete Fassung vom August 2001 - Original vom Dezember 2000.
Der Weihnachtsmann möge mir Verzeihen und mich in der Hölle schmoren lassen.